Stressbewältigung und Burnout

Interview mit Barbara Hochstrasser, Chefärztin Privatklinik Meiringen

Barbara Hochstrasser ist Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie und als Chefärztin in der Privatklinik Meiringen tätig. Sie ist  Präsidentin des  Schweizer Expertennetzwerks für Burnout. Zudem wirkt sie als Dozentin im Lassalle-Haus und Lassalle Institut und hat das Auszeit-Konzept des Lassalle-Hauses mitgestaltet.

 

Ist Burnout ein Modethema geworden?

Der Begriff Burnout spiegelt etwas wieder, das Menschen direkt erleben und nachvollziehen können: man brennt für etwas und verbrennt sich dabei. Dass die Burnout-Fälle zunehmen, ist wahrscheinlich eine Folge von vermehrter Stressbelastung und erhöhter Krankheitsinzidenz einerseits, andererseits einer besseren Wahrnehmung durch Ärzte und Laien.


Sind die Leute heute ausgebrannter als früher?

Die Stressbelastung in der Arbeitswelt ist nachweislich gestiegen. Dazu gibt es Studien, etwa die Stress-Studie des SECO von 2011, die nachgewiesen hat, dass der Stress der Einzelarbeitnehmenden der Schweiz im Vergleich zum Jahr 2000 um 7% gestiegen ist. Es gibt auch Daten einer grossen deutschen Krankenkasse, die belegen, dass die Diagnose «Burnout» und die darauf bezogenen Arbeitsausfalltage zwischen 2004 und 2010 exponentiell zugenommen haben.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch im klinischen Alltag: Wir haben mehr Patienten mit Burnout, obwohl viel mehr Kliniken Burnout-Behandlungsprogramme anbieten.


Was sind typische Vorzeichen, dass jemand für ein Burnout gefährdet ist?

Die Entwicklung von Burnout beginnt mit einer Stressbelastung. Diese ist an sich nichts Krankhaftes, sondern etwas das wir alle kennen. So etwa Einschlafschlafstörungen, Nervosität, eine leichte Unaufmerksamkeit, sich angespannt fühlen, schwitzen oder Kopfweh haben. Entscheidend ist, dass diese Symptome vorbeigehen, wenn die besondere Herausforderung bewältigt ist.


Wann geht eine Stressbelastung in ein Burnout über?

Die ersten Zeichen von Burnout sind ähnliche Symptome, aber sie sind viel ausgeprägter. Und vor allem: sie gehen nicht mehr weg, auch wenn wir uns eigentlich erholen könnten. Normalerweise erholen wir uns in einer Nacht, oder wenn wir länger viel geleistet haben in einem Wochenende, oder spätestens in den Ferien. Menschen, die ein Burnout haben, können sich in dieser Zeit nicht mehr erholen und fühlen sich gelegentlich nach dem Wochenende erschöpfter als vorher.


Was sind weitere Vorzeichen?

Man wird reizsensibler und zieht sich von anderen Menschen zurück, weil es zu anstrengend ist, sich auf sie einzulassen und ihnen zuzuhören. Weitere Zeichen sind zum Beispiel häufige Erkältungen oder solche, die lange dauern, oder auch Schmerzen wie Rückenschmerzen, Bauchschmerzen, Schwindel:  alles Symptome, die aussagen, dass unser vegetatives System nicht mehr so gut funktioniert. Dazu kommen häufige Schlafstörungen: häufig wachen die Betroffenen schweissgebadet mitten in der Nacht auf, und die Gedanken drehen sich ständig um die Arbeit.

Wenn das Burnout weiter fortschreitet werden wir zunehmend emotional labiler, es kann Niedergeschlagenheit entstehen, deutliche Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, auch Reizbarkeit, Ängste vor Dingen, die sonst nicht Angst gemacht haben, Motivations- und Interessenverlust, mangelnder Antrieb, und in der Schlafqualität gibt es eine weitere Verschlechterung, so zum Beispiel früh zu erwachen. Spätestens jetzt ist aus der Stressbelastung eine Erschöpfungsdepression geworden.


Wie können wir Burnout vorbeugen?

Entscheidend ist, auf den eigenen Körper zu achten und ihm das zu geben, was er braucht: wenn er müde ist, ihm Ruhe zu gönnen; wenn er Bewegung braucht, sich bewegen; wenn jemand das Bedürfnis hat, mit anderen in Kontakt zu treten oder ein Hobby wahrzunehmen, das zu tun. Dann bleiben unsere Bedürfnisse befriedigt. Eine weitere wichtige Massnahme ist eine gesunde Lebensführung mit genügend Schlaf (im Schnitt 7 Stunden), Vollwert-Ernährung, täglicher Bewegung und das Pflegen von positiven Beziehungen. Zu dieser Selbstfürsorge gehören auch Zeiten nur mit sich allein, in der Ruhe und möglicherweise auch in der Stille.


Welche Rolle spielt dabei Meditation?

Meditation ist eine ganz wichtige Unterstützung zur Prävention von Burnout, denn Meditation führt nicht nur zu einer Entspannung, sondern auch zu einem verstärkten Kontakt mit sich selbst, der besseren Wahrnehmung dessen, was wir bedürfen. Mit der Zeit gewinnen wir an Gelassenheit und können nach einer aufregenden oder anstrengenden Situation leichter wieder in die Ruhe kommen.

 

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